Erziehung

Darf ich auch mal böse werden?

Jeder kennt es, jedem passiert es manchmal und alle sagen, man darf es nicht. Die Frage der Fragen: „Darf ich auch mal böse zu dem Hund werde und wenn ja, wann?“. Ich glaube viele Hundebesitzer haben sich diese Frage mal gestellt und man wird nahezu erschlagen von den vielen verschiedenen Meinungen dazu.

Bello und das Kaninchen

Viele kennen die Situation: Der Hund läuft friedlich im Freilauf neben dir her, schnüffelt links, schnüffelt rechts und wirkt ganz entspannt. Und dann zack – der Hund rast hinter einem Kaninchen hinterher, das du selbst noch nicht einmal gesehen hast. Wütend brüllst du dem Hund hinterher: „Bello, komm! Nein! Komm her! Aus! Schluss! Nein!“. Doch der Hund rennt und rennt und rennt. Nach gefühlten 10 Minuten (eigentlich waren es gerade mal zwei) kommt dein Hund mit strahlendem Lächeln und völlig außer Atem wieder bei dir an. Und du? Du bist sauer wie sonst was, schimpfst deinen Hund aus und stapfst wutentbrannt nach Hause. Und der Hund? Der versteht die Welt nicht mehr, immerhin ist er doch zurück gekommen. Zwar nicht sofort, aber er hat die Rufe ja auch nicht richtig verstanden. Der Wind pfiff beim Rennen zu sehr um die Ohren. Naja, vielleicht hat Frauchen ja einfach schlechte Laune, weil ich ihr das Kaninchen nicht mitgebracht habe.

Berner Sennenhund sitzt vor Frauchen und wartet auf Belohnung

Auf Aktion folgt Reaktion

Ein Hund verknüpft die Reaktion des Menschen immer mit seiner letzten Aktion, es kommt also im Training immer auf das richtige Timing an. Wenn Bello jetzt auf den ersten Pfiff zurückkommt (auf den zweiten Pfiff fände ich auch noch in Ordnung) und wir ihn statt zu schimpfen mit etwas Tollem belohnen, dann verknüpft er Aktion (zu Frauchen kommen) und Reaktion (Belohnung) miteinander. Er versteht, dass er eine tolle Belohnung bekommt, wenn er vom Kaninchenjagen ablässt und zu dir kommt. Beim nächsten Mal überlegt er sich dann vielleicht schneller, dass das Kaninchen sowieso zu flink ist und er lieber gleich auf die Leckerchen von Frauchen zurückgreift. Überlege daher immer gut, wofür du ihn gerade mit bösen Worten „bestrafen“ würdest und lobe stattdessen richtiges Verhalten viel mehr! Denn dann zeigt dein Hund das gewünschte Verhalten gerne öfter.

Stichwort: Stimmungsübertragung

Ein gutes Beispiel ist auch immer das Zerstören von Möbeln beim Alleinbleiben. Herrchen kommt nach Hause, der Hund freut sich wie blöd und dann sieht Herrchen den angeknabberten Schuhschrank. Wütend schimpft er vor sich hin und die anfängliche Freude, endlich zuhause zu sein, ist verflogen. Daraufhin zieht der Hund den Kopf ein und verkrümelt sich ins Körbchen. Man könnte jetzt denken, der Hund wüsste genau, was er falsch gemacht hat und es täte ihm leid. Das ist aber nicht so! Hunde können das nicht miteinander verknüpfen. Der Hund spürt lediglich, dass Herrchen schlechte Laune hat (warum auch immer) und lässt ihn dann lieber in Ruhe. Das Stichwort hier ist Stimmungsübertragung. Der Hund hat, was die Stimmung des Menschen angeht, ganz feine Fühler. Er merkt genau, wenn man schlechte Laune hat, traurig ist oder vor Freude tanzen könnte und passt sein Verhalten der jeweiligen Stimmung an. Es bringt also nichts, dann noch mit dem Hund zu schimpfen. In diesem Fall heißt es also, sich nicht unnötig über die Möbel aufzuregen, sondern lieber die Ursache für die Zerstörungswut zu finden und eventuell das Alleinbleiben nochmal kleinschrittiger zu üben.

Korrigieren statt Anbrüllen

Es klingt jetzt natürlich so, als dürfte man meiner Meinung nach nie böse sein. Das will ich auf keinen Fall sagen. Der Hund muss bei falschen Verhalten selbstverständlich korrigiert werden, aber es kommt dabei auf das richtige Timing an. Will Bello gerade zum Kaninchenjagen ansetzen – er spitzt die Ohren, streckt die Nase in die Luft und hat absolute Körperspannung -, dann darf Frauchen gerne ein bestimmtes „Nein“ von sich geben, sofern Bello das entsprechende Kommando bereits gut kennt. Man muss den Hund dabei nicht anbrüllen, aber man darf ruhig durch Aussprache und Körpersprache deutlich machen, dass man das durchaus ernst meint. Wenn Bello das Frauchen jetzt anschaut und statt dem Hasen hinterher zu jagen vielleicht sogar zum Frauchen kommt, dann ist das Ziel erreicht und genau DANN muss eine Belohnung erfolgen.

Berner Sennenhund steht auf Waldweg und schaut nach vorne

Bei Emma haben wir das mittlerweile sehr gut im Griff. Sobald wir merken, dass sie etwas gesehen hat und in Startschusshaltung geht, sprechen wir sie an und rufen sie zu uns. Wenn wir allerdings mal unaufmerksam sind und den richtigen Zeitpunkt zum Rückruf verpassen, dann fliegt kurzerhand die Leine in ihren Laufweg. Nein, wir werfen sie nicht ab und es ist nicht tierschutzrelevant! Wir werfen sie ihr in den Weg, sodass sie einfach aus dem Tunnel, in dem sie dann steckt, herauskommt. Dann guckt sie uns an, lässt vom Jagen ab und kommt zu uns. Dabei ist sie keinesfalls eingeschüchtert oder verängstigt. Es ist eher, als hätten wir sie gerade aus ihren Gedanken herausgeholt und wieder "wachgerüttelt". Solange man beim Spaziergang im Freilauf aufmerksam ist, ist die Maßnahme gar nicht nötig.

Der Fokus sollte darauf liegen, die Anzeichen früh zu erkennen und das Verhalten umzulenken, BEVOR der Hund bereits am rennen ist. Also feiere deinen Hund ruhig richtig ab, wenn er auf dein Ansprechen reagiert und vom Reiz ablässt. Dann habt ihr schon einen ganz wichtigen Schritt erreicht! Es ist nicht immer einfach, seine Wut zu unterdrücken und bei richtigem Verhalten sofort wieder ins Positive zu springen, aber es lohnt sich. Wenn man dabei konsequent ist, gibt es in Zukunft gar nicht mehr so viele Gelegenheiten, wütend zu werden ;-)

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